Sonnennest

20 Juni 2016

(m)eine keine Hausgeburt – ein Geburtsbericht

Veröffentlicht von: Nina Rebekka

Geburtsstab

Weil wir im Haus kein Tuch zum Anhalten aufhängen wollten, steht ein Holzstab bereit, um sich dran festzuhängen. Außerdem gibt’s Pezi-Bälle (aus der Praxis des Liebsten bereit gestellt) und Matten (aus dem eigenen Sammelsurium). Es gibt bestärkende Worte in einer Collage und eine Tasche gefüllt mit alter Bettwäsche, mit Badetüchern und Krankenhaus-Einwegunterlagen.

Es war also alles bereit für die Hausgeburt.

Alles außer dem Erbsinger und meinem Körper.
Denn obwohl wir eine bilderbuchhafte Schwangerschaft mit einer gesunden Entwicklung und null Risikofaktoren hingelegt haben, kam’s zuletzt dann noch mal anders.

Schwangerschaftswoche 41 plus 1 Tag und die Erbse macht immer noch keine Anstalten aus der Bauchhöhle auszuziehen.
Hausbesuch der Hebamme – natürliche Einleitungsmaßnahmen durchbesprechen.
Danach Kontrolltermin im Krankenhaus und die mich-wie-einen-Bus-streifende-Nachricht, dass aufgrund der Fruchtwassermenge und des Plazentazustandes eigentlich nur zur (sofortigen) Einleitung geraten werden kann. Hmpf.

Goodbye Hausgeburtsplan. Hallo meine Krankenhaus-Ängste.
Telefonat mit der Hausgeburtshebamme, besprechen mit der Zweithebamme vor Ort, welche die Geburtsbegleitung im Krankenhaus übernimmt, und dem Partner.
Es hilft nix. Das, was ich am meisten gefürchtet habe, ist eingetreten: ich werde mein Kind im Eisenstäder Krankenhaus zur Welt bringen.
Die Stimmung ist gedämpft.

Es war eine lange Geburt. Eine anstrengende Reise.
Ich wurde noch am selben Tag im Krankenhaus Eisenstadt aufgenommen. Meine geburtsbegleitende Hebamme nimmt spät-Abends die Eipollösung vor. Dann heißt’s warten auf die Visite und das Einleiten – welches erst irgendwann mitten in der Nacht erfolgt. Es herrscht Hochbetrieb in der gynäkologischen Abteilung.

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Was dann folgte:
Ab 7.00 morgens am Wehen veratmen. Bald darauf werde ich mit meinem Partner ins Wehenzimmer verlegt.
Sitzen am Pezi-Ball. Atmen allein hilft irgendwann nimmer. Ich töne vor mich hin.
Die Wehen kommen eine nach der anderen. Von Wehenpausen kann ich nur träumen.

Presswehen kommen einige Stunden danach. Euphorie, ein Anflug von Erleichterung, Hoffnung, die Geburt bald hinter mir zu haben. – Pustekuchen.
Der Kopf des Erbsenjungen ist viel zu schnell für meinen Muttermund, welcher sich einklemmt. Dieses Stückchen Muttermund schwillt immer weiter an. Mit jeder Presswehe geht der Muttermund wieder weiter zu. Aaargh.

Ich “vertöne” Wehen – dies mal Presswehen. Ich darf nicht mitgehen. Es ist einer der anstrengendsten, kräfteraubendsten Vorgänge, die ich jemals erlebt habe.
Krampflösende Medikamente sollen helfen. Tun sie nicht.
Ich heiße ein Schmerzmittel willkommen und schlafe erst mal eine gute Stunde.

Um noch mehr Druck vom Muttermund zu nehmen, sticht man mir schlussendlich ins Kreuz.
Nienie hätte ich an PDA gedacht. Und nie hätte ich gedacht, dass ich sie so wunderbar finden würde. Nach diesen vielen, vielen Stunden (18? 20?) an Höchstleistung und aua war ich für eine kurze Zeit im Himmel und sehr entspannt.

Die geschwollene Muttermundslippe wurde dann immer wieder “bearbeitet”. Und schlussendlich konnte ich den Kopf des Babysohnes aus eigener (recht blinder) Kraft über den neuralgischen Punkt drüber schieben. Die Schwerkraft unter, den Partner hinter mir. Tiefe Hocke sei Dank.

Zuletzt bleiben nur mehr 2 Optionen: weiter aus eigener Kraft pressen (die hab ich nicht mehr und es tut sich dabei auch nicht viel) oder Unterstützung durch die Saugglocke. Ich bin für zweiteres. Hebamme und Assistenzärztin nach abchecken der Situation ebenso.

Ich gebäre meinen Sohn also auf dem Rücken liegend (wtf – die EINE Position, von der ich immer überzeugt war, dass ich sie nicht einnehmen werde), mit einem Oberarzt, der mir auf den Bauch drückt, einer Assistenzärztin, die mein Baby per Saugglocke nach draußen zieht. Meine Hebamme ist daneben, der Mann hält meine Hand; sagt er – ich kann mich nicht dran erinnern – zu dem Zeitpunkt, bin ich im Überlebensmodus und schiebe und schreie was meine Kraftreserven noch hergeben.
Der Kopf ist draußen, meine Hebamme übernimmt und ich gebäre den restlichen Körper.

Die große Welle der Erleichterung bleibt aus. Es ist aber ein gutes, ehrliches Aufatmen. Er ist da. Die kleine Erbse liegt nun bei mir. – Um 5.05 des nächsten Tages. 22 (?) Stunden, ein ordentliches Stück Arbeit und eine Aneinanderreihung von Grenzerfahrungen später.

Schon immer habe ich gern Geburtsgeschichten gelesen. Das ist nun die, die ich zu erzählen habe.
Ich hatte keine Angst vorm Wehenschmerz. Der kam und ich hatte immer noch keine Angst. Ich war dem Prozess voll ergeben. Ich habe geatmet und als ich mit ausatmen alleine nicht mehr weiter kam, wurde ich laut – und das stundenlang. “Ich kann das.” war einer der Gedanken, der immer wieder in meinem Kopf war. Keine Visualisierungen, keine großen Spektakel. Einfache Worte, einfache Sätze, atmen, tönen, schreien, sich bewegen.

Die Geburt meines Sohnes konnte nicht anders verlaufen. Davon bin ich überzeugt. Damit bin ich im Frieden.
Ich habe sie ihm und mir anders gewünscht. Sanfter und definitiv flotter. Ich habe die Geburt so genommen, wie sie sich jeweils entwickelt hat und ich bin unendlich dankbar für das starke kleine Herz des Babysohnes, welches während der gesamten anstrengenden Reise so konstant gesund weiter geschlagen hat.

Ich hatte eine großartige Geburtsbegleitung durch meine Hebamme Eva und meinen Partner. Das Ärzteteam hat mich genau dort unterstützt, wo sie konnten. Das Schreckgespenst “Krankenhaus” hat seinen Schrecken verloren.

Bei aller Planung, bei allen Wünschen und Vorstellungen ist die Geburt eines Menschen wie sie nun mal ist. Warum auch immer. Wir suchen uns den Weg ins Leben aus bestimmten Gründen und in Übereinstimmung mit dem Körper der Mutter aus. Daran glaube ich zumindest. Und so ist es für mich auch klar, dass mein Gebären ein intensives sein musste.
Und es ist gut so.

Alles Liebe,
Nina Rebekka

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