Sonnennest

18 Januar 2012

Ist Yoga jetzt doch nicht mehr gut?

Veröffentlicht von: Nina Rebekka

Die Auswirkungen des New York Times-Artikels von William J. Broad sind im Radio, in unseren Tageszeitungen und in unzähligen Blogs weltweit. (Der Yogaguide.at gibt einen guten Überblick und verlinkt auf die Originalartikel!)

Meine ersten Gedanken zum NYT-Artikel

Mein Standpunkt: Erstens finde ich den Times-Artikel gut geschrieben und ebenso gut recherchiert (Broad wurde teilweise hier das Gegenteil vorgeworfen). – Broad wollte seinen Standpunkt klar unterstreichen. Recherchen über die positiven Aspekte des Yoga wären hier also völlig unsinnig gewesen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch um die positiven Seiten und Wirkungen der yogischen Lehre weiß, aber es ging ihm, auch aufgrund seiner eigenen Verletzung, darum mal klar zu sagen “hey, ihr könnt euch da auch ganz schön verletzen”.

Dass der Artikel heftige Reaktionen erhalten hat, ist einleuchtend. Ich selbst fühle mich nicht auf den Schlips getreten und eigentlich ist eine Schimpftirade auf den Autor doch sehr antiyogisch ;O)

Verletzungsrisiko ‘Yoga’

Also, JA, man kann sich im oder durch Yoga verletzen. – Wie bei jeder anderen körperlichen Betätigung auch.
Die Gründe dafür sind nicht neu: in den meisten Fällen ist es wohl der eigene Ehrgeiz, das Ego das einen z.B. zu tief in Dehnpositionen rein treibt oder einen dazu bringt Positionen auszuprobieren, wo die körpereigene Intelligenz doch ein klares ‘Nein’ sendet. Auch Unachtsamkeit kann dazu führen, dass man Warnsignale des Körpers nicht wahrnimmt. Und der Lehrer hat natürlich eine große Verantwortung, was manche Yogalehrer scheinbar noch nicht so erkannt haben.

Mir selbst ist es in Berlin passiert, dass mich die dortige Lehrerin zurück in eine Position gedrückt hat (ich hatte am Tag zuvor einen 3-stündigen Workshop, der mir körperlich extrem viel abverlangt hatte und meine Muskeln haben ein klares ‘Zuviel’ gesendet).
Ich weiß nicht, wo das herkommt, das Yogalehrer sich rausnehmen zu wissen, was einer ihrer Schüler kann und aushält und was nicht. Ich ermutige meine Schüler genau hinzuspüren, wo die Grenzen liegen. – Jene vom “unangenehm” beim Dehnen z.B. zum Schmerz. Jene von der ersten Reaktion “oh, das ist anstrengend” in Kriegerpositionen z.B. zu “jetzt geht’s wirklich an meine Leistungsgrenze”. Diese Wahrnehmung muss auch trainiert werden, weil viele von uns ihren Körper gar nicht mehr richtig kennen. Aber auch dafür soll der Yoga da sein, um die feineren Sinne erneut zu aktivieren und auszuweiten.

Ich glaube schon, dass man sich in manchen Positionen ein bisschen anstrengen darf, aber nicht überanstrengen. Und Schmerzen erdulden darf nie nicht sein. Wobei viele dann sicher mit sich zu diskutieren beginnen, weil alle anderen Teilnehmer ja vielleicht die Positionen machen können und eigentlich ist es ja gar nicht so schlimm (siehe Ehrgeiz).
Schmerz = SOFORT raus aus der Position!
Yoga ist kein Leistungssport!

Der Atem ist immer ein zuverlässiger Partner. Kommt er extrem gepresst und angestrengt wär’s vielleicht doch besser und gesünder mal aus der Position zu gehen!

Es wird auch die Thematik angesprochen, dass viele von uns sitzende Jobs haben und dann in die Yogastudios laufen “um sich in schwierigen Positionen zu verrenken”. Gleiches gilt hier: du hast doch eine innere Stimme. Hör auf deinen Körper, spür ganz genau hin. Nimm auch wahr, wie der Lehrer mit solchen Positionen umgeht. Gibt er Alternativen, die Möglichkeit die Pose einfach auszulassen, kommen Warnhinweise, wer und wann diese Asana besser nicht praktiziert wird, leistet er Hilfestellungen?

Jeder Yogaschüler trägt auch EIGENVERANTWORTUNG!

Ich selbst habe schon mal gröber meine Kniesehnen beleidigt (zuviel Ehrgeiz, zuwenig Geduld und Einfühlungsvermögen!).
Ich selbst habe schon Lehrer erlebt, die ihr Standardprogramm durchziehen (“im Sinne des klassichen Yogas” – was auch immer das sein mag), ohne dabei Rücksicht auf die jeweilige Verfassung ihrer Schüler zu nehmen.
Ich selbst habe schon Yogastunden und -workshops besucht, die super waren und andere wiederum nicht.

Ich bemühe mich meinen Schülern gerecht zu werden und auf sie einzugehen. Manchmal gelingt mir das vielleicht auch nicht immer so gut, aber ich lerne.

Meine Yogalehrerausbildung

habe ich in der Hildegard von Bingen-Schule, in Wiener Neustadt absolviert. Sie wurde von ursprünglich 2 Jahren auf 1 Jahr reduziert. Meine Lehrerin ist Inderin und hat ihre Ausbildung in der Sivananda Yogaschule gemacht.
Umso mehr ich Yoga übe, umso mehr erkenne ich meinen eigenen Auf- und Nachholbedarf als Lehrerin. Was in Literaturstudium und weiterbildenden Workshops und Zusatzausbildungen resultiert.

Yoga deckt Blockaden auf

Es wird in Broad’s Artikel auch angesprochen, dass Menschen oft “tiefer liegende körperliche Probleme” haben, die durch Yoga erst zu einer ausgewachsenen Krankheit werden können. Das mag stimmen. Was ich auf alle Fälle sagen kann: diese “versteckten” Probleme kommen durchs Yoga ans Tageslicht! So ist es mir z.B. mit meiner Brustwirbelsäule ergangen. Ich weiß, wo es auf körperlicher Ebene happert und was die seelische Komponente dazu ist. Die Konsequenz für mich daraus ist: keine intensiven Rückbeugen, vorsichtig mit Wirbelsäulendrehungen und tiefe Atmung.
Dass ein Yogaschüler das nicht unbedingt für sich selbst erkennen kann ist klar. Deshalb stehe ich als Lehrerin meinen Schülern für persönlichere Fragen vor und nach und zwischen den Yogastunden zur Verfügung. – Bei körperlichen und seelischen Zwickzwacks und Herausforderungen und allen anderen yogabezogenen-Fragen. Meinem Empfinden nach, ist das auch mit Aufgabe eines Lehrers.

Yoga ist nun mal keine rein-physische Sache. Es werden die Energiekanäle stimuliert und Blockaden gelöst und das muss nicht immer “eiapopeia” sein, sondern kann sich auch mal unangenehm bemerkbar machen. Wenn ich Heulkrämpfe dadurch bekomme und allein nicht durch die Thematik durchgehen kann, hole ich mir therapeutische Hilfe. Wenn mein Körper “Heulkrämpfe” bekommt, hol ich mir genauso therapeutische Hilfe.
Deswegen ist Yoga noch lange nicht schlecht. Es ist für mich nach wie vor eine Möglichkeit sich und seinen Körper besser und anders kennenzulernen und es birgt ein großes heilsames Potential. Und wenn es die ‘Heilung vom Ego’ bewirkt.

Ich bin offen für deine Fragen und Reaktionen!

Es ist nicht meine Aufgabe jemanden vom Yoga zu überzeugen. Jeder Mensch soll, wenn er Interesse am körperlichen Yoga hat, sich am besten selbst eine Meinung bilden. – Und das schafft man durch Selbst-Erfahrung.

Alles Liebe,

Nina Rebekka

2 Kommentare zu “Ist Yoga jetzt doch nicht mehr gut?”

  1. jenny

    Hallo liebe Nina,
    danke für Deine Kommentare zum aktuellen Yoga-Artikel in der NY Times. Ich finde gut, dass das thematisiert wird und viele Lehrer einen Denkanstoss bekommen.
    Ich selbst habe diesen Artikel als positiv empfunden, da er uns wieder daran erinnert, Achtsamkeit zu üben. Dies habe ich meinen Yogschülern auch wieder näher gebracht, denn oft vergisst man im Eifer der Yogapraxis leider darauf, auf sich selbst zu hören und den Atem als guten Indikator zu nutzen.

    Namaste
    Jenny

  2. Nina Rebekka

    Liebe Jenny!

    Danke für dein Feedback. Und schön dass du’s auch so wahrgenommen hast :O)
    Ja, es wär gut, wenn wir alle insgesamt achtsamer mit uns umgehen täten. Dann geht man auch automatisch achtsamer mit seinen Mitmenschen um und wenn das jeder so macht … Happiness :D

    Alles Liebe.
    Nina

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